Zwischen Pragmatik & Idealismus

 

Wir wollen jetzt einen weiten Raum aufspannen, ja eventuell sogar einen umöglichen Spagat vollziehen, indem wir zwei Gebiete miteinander in Bezug setzen, eben weil sich diese in heutigen Zeiten in besonderer Weise ergänzen könnten. Wir beginnen mit einer  Formulierung von F. Schleiemacher, welches in Hinblick auf die modernen Herausforderungen unserer Zeit ersteinmal weit entrückt zu sein scheint.  Die Romantik sei vor allem

„Sinn und Geschmack für das Unendliche” .

Diese von vielen Frühromantikern geteilte Haltung, dieses gemeinsame Grundgefühl hat viele Arbeiten in der Folge inspiriert oder anders gesagt, viele der philosophischen, literatischen und künstlerischen Werke der Klassik, der Aufklärung und eben auch der Romantik sind mit dieser Anschauung innerlich verwoben, was später noch an ein paar Beispielen ausgeführt werden soll.  

  1. Zwei Beispiele: Design Thinking und Life Art Prozess

Weit entfernt von einer solch lyrischer Gestimmtheit scheinen die Methoden angesiedelt zu sein, auf welche wir in der Regel (im zu gründenden Institut)  zurück greifen. So arbeiten wir einmal nach dem  Life Art Prozess von Anna Halprin, der entwickelt wurde, um Tanz und Bewegung  therapeutisch einzusetzen. Dabei spielt die Reaktivierung des eigenen und oft verschütteten Ausdrucksvermögen eine zentrale Rolle. Nach Anna Helprin ist dieses „sich selbst (wieder) zum Ausdruck bringen können” eine wesentliches Element von Lebendigsein, von Gesundsein.

Eine weitere wichtiger methodische Arbeitsgrundlage ist Design Thinking. Diese kreative Lösungsstrategie wurde am Stanford Insititut in Californien entwickelt, um in zumeist heterogenen Teams für ein gestelltes komplexes Problem eine innovative Lösung zu entwickeln. Dabei spielen eine intensive Recherche zu besseren Problemerfassung und -definition, das Bauen von Modellen (Protyping), sowie das Überprüfung derselben (Testing) eine wichtige Rolle. Durch dieses Rapid Prototyping innerhalb eines iterativ verlaufenden Lösungsrozesses ist eine kontinuierliche Optimierung gewährleistet.

Entwickelt wurden beide Methoden in den USA in den siebziger und achziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einer durchaus vergleichbaren Aufbruchsstimmung wie in Deutschland zweihundert Jahre zuvor. Im Geiste eines „New Pragmatism” versuchte man experimentell und methodisch die anstehenden konkreten Herausforderungen der Zeit zu lösen.

Während bei dem einen Ansatz des Life Art Prozesses die Persönlichkeitsenwicklung und die Freilegung kreativ- künstlerischer Potenzen im Vordergrund steht, geht es beim Design Thinking in erster Linie, um die Entwicklung innovativer Produkte. Der erste Ansatz hat eine mehr künstlerische Ausrichtung, denn das Ergebnis ist immer auch eine Tanz-Performance, der andere Ansatz ist auf die Steigerung kreativer Leistungen im Kollektiv ausgerichtet.

Wenn man nun  Schleiermachers  Formulierung  mit diesen prozessorientierten Ansätzen in Verbindung setzt, so könnte eine mögliche Fragestellung lauten: Besitzt diese im Zitat von F. Schleiermacher beschriebene „Seinsbefindlichkeit” für moderne Methoden kreativer Problemlösung und therapeutisch-künstlerischer Selbsterfahrung heute eine Relevanz? Oder grundsätzlicher und wesentlich umfassender formuliert:

Welchen Stellenwert oder welche Aktualität besitzen Theorien und Modelle des Seins und des Schöpferischen, die im Zuge der Aufklärung, der Klassik sowie der Romantik entstanden sind, im Kontext pragmatisch ausgerichteter Methoden der Problemlösung und Selbsterfahrung?

  1. Was unterscheidet schöpferisches Handeln von kreativen Prozessen

Wie man sieht, ist dies ein gewagter Spagat  der mit einem kaum „riskanter” zu wählendem Zitat beginnt. Wir wollen an diesen Extrempunkt noch einmal ansetzen:  Eine zentrale Auffassung der Romantik war also, dass  prinzipiell die Erfahrung eines umfassenden und grenzenlosen Seins ohne Dogma oder institutionelle Vermittlung  möglich ist, wenn man nur offen und bereit dafür ist, dh. Sinn und Geschmack für das Unendliche hat.

Dabei zeigt sich dieses transzendente Sein nicht auf eine genau gleiche Weise, sondern der Zugang ist immer neu und anders und also schöpferisch und das daraus entstehende Bedürfnis diese Erfahrung zu vermitteln (in Sprache, Malerei oder Musik etc.) ist demzufolge auch schöpferisch. Schöpferisch meint dabei immer mehr als kreativ- nämlich „aus dem Ganzen (und Unendlichem) schöpfend”.

Wenn man diese Entgrenzung des eigenen Bewusstsein an sich erlebt, ist es dann nicht so, dass dieses geräuschlose Verschwinden im Unermesslichen (Schleiermacher) nicht auch indirekt in allem alltäglichen und produktiven Tun nachwirkt? So hatte man seinerzeit gedacht: Denn dieses Gefühl der Rückbindung auf einen Urgrund ermöglicht eine klare Ausrichtung auf einen größeren Gesamtsinn, der jede einzelne Tätigkeit positiv und sinnstiftend beeinflussen könnte. Er hat eine solche Wirkung eben vielleicht auch auf jeden „kreativen Prozess”, so wie diese innovationsorientierten Tätigkeiten heute durchgehend umgangssprachlich formuliert werden.  

Denn nur ein solches schöpferisches Handeln könnte doch im Ganzen sinnstiftend sein, weil es auf eine fühlbare harmonische Einheit und Ganzheit eines Seins ausgerichtet ist? Und ist dies nicht gerade in heutigen Zeiten der Entwurzelung und Zerstreuung wichtig? Nur so viel soll an dieser Stelle gesagt sein: Wir haben uns bei den praxisorientierten Lösungsprozessen, in denen es um neue Produkte, um Innovation ging, zunehmend die Frage gestellt:

Was trägt die ein oder andere Lösung langfristig ( nachhaltig) und auch sinnstiftend zum Ganzen bei?

Gibt es nicht viele Ideen, die nur kurzfristig den Märkten helfen, aber auf lange Sicht oder im Ganzen gesehen eher Schaden anrichten und wie sieht es dabei auch mit einem selber aus?  Wie steht Innovationen in Beziehung zu der Einschätzung ein erfülltes Lebenn zu führen oder wie zeigt sie sich im Hinblick auf  die persönlicher Selbstentfaltung? Gibt es dabei auch eine persönliche „seelische” und „geistige” Entwicklung? Gibt es das Geistige überhaupt und  in welchem Bezug stehen dazu diese vielen scheinbar nützlichen Erneuerungen in unser Lebenswelt.  Oder um es im Sinne der Romantik zu formulieren:

Wie stehen unsere Ideen im Endlichen vor dem Horizont des Unendlichen?  

Dürfen wir es heute wagen uns diese Frage wieder zu stellen? Denn gibt es das Unendliche? Wie sieht es aus? Kann man es erfahren und wenn ja… dann wie?

  1. Der Aspekt des Spielerischen im schöpferischen Handeln

An dieser Stelle möchte ich aber zuerst nocheinmal zurückkommen auf die Wirkungsgeschichte, welche diese Seinsbefindlichkeit und das daraus resultierende schöpferische Handeln zur Folge hatte. So gibt es zum Beispiel gewichtige Beiträge aus eben dieser Zeit, für die es heute den angelsächsischen Begriff „Gamifikation” gibt. Mit Gamifikation  ist vor allem ein Ansatz gemeint,  der sich die Frage stellt, ob sich die Spielfreude beim Gaming nicht auf Innovationsprozesse übertragen ließe, indem diese selber wie ein Spiel organisiert werden.

Vor zirka zweihundert Jahren war dies aber auch noch anders, ja grundsätzlicher gedacht worden. So gab es bereits in den Schriften Kants das Konzept vom „freien Spiel der Erkenntniskräfte” innerhalb der Einbildungskraft und als Teil eines Systems in der sich das Konzept des Spielerischen noch heute als ein besonderes interlektuelles und schöpferisches Vermögen und auch als eine besondere Form der Erkenntnis ohne abschließende Begriffe einordnen und weiterverfolgen ließe.

Oder in den Schriften von Schiller wird Spiel als ein zentrales Vermögen auf dem Weg von der Natur zu einer souveränen und toleranten Kultur beschrieben, weil das Spielerische kein ernstes Beharren auf eine eigene und einzige Lösung und damit keinen Fanatismus zuläst,  denn der „Mensch spielt nur, wo  er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur ganz Mensch, wo er spielt (Schiller). Was damit gesagt werden soll ist, dass es in diesen Konzepten immer auch um ein gesellschaftliches und humanes Ganzes ging, dieses Denken also immer auch vor dem Hintergrund  gestellt wurde, in welcher Kulturgesellschaft man eigentlich leben möchte. Diese Konzepte des Spiels – wie beispielsweise auch in den Texten zur „romantischen Ironie” bei Schlegel –  gaben dem schöpferischen Handeln, das deutsch tiefsinnig-romantisch, eben auch als ein Einbilden des Unendlichen im Endlichen gedacht war,  zugleich etwas berückend leichtes, heiteres und  eben „spielerisches”.

Nach diesem kurzen Abriss zum Zusammenhang von transzendenter Wahrnehmung, schöpferischem Handeln und Spiel scheint doch der problematischste Punkt diese numinose Wahrnehmung des Unendlichen zu sein, die sich jeder Überprüfbarkeit zu entziehen scheint?

  1. Zur Überprüfbarkeit (transzendenten) schöpferischen Handelns

Nun kann man diese Grundhaltung Sinn und Geschmack für das Unendliche einmal prozesshaft verstehen, etwa in der Weise das jedes Nachdenken ein unabschließbarer Vorgang ist, dass alles im romantischen Sinne ergebnisoffen ist und damit den Charakter des Entwurfs oder des Fragments- zumindestens in Teilen- behalten sollte. Diese Ansatz wäre methodisch sicher unproblematisch und er ist auch einer, welcher im Kontext von Romantik und Pragmatik, untersucht werden könnte.

Aber man kann diese Formulierung, in der Weise wie sie Schleiermacher vor allem gemeint hatte, eben auch verstehen als eine selbstentgrenzende Verbundenheit mit einem Sein, ja auch mit einem irgendwie geartet höherem Sein, in welchem man sich selbst als Teil eines Ganzen, ja einer „Ganzheit” erfährt. In gewisser Weise beschreibt diese Verfassung dann ein Daseins -oder Weltgefühl, eine mehr innerliche Entsprechung  zu dem, was heute material und viel mehr äußerlich als „Globalisierung” blind (und eher profan) voran getrieben wird.

Aber ist diese Erfahrung, ist dieses Seinsverständnis, welches so viele Entwürfe zu einer kulturellen, geistigen, humaneren Gemeinschaft direkt und undirekt beeinflusst hat, wirklich so weit uns entfernt? Ist diese Wahrnehmung, ja dieses „Ein-sehen” in das Sein als Ausgangspunkt für Forschung ungeeignet, unwissenschaftlich und problematisch? Ist dies denn so gar nicht überprüfbar? Dem ist heute nicht so:  

  1. Methoden zur Wiederentdeckung des metaphyischen Sinns

Denn im Unterschied zu der Entstehungszeit dieser romantischen und idealistischen Programme, in welcher dieses Erleben nur einem kleinen Kreis in besonderen Momenten vorenthalten blieb, gibt es heute ein gewaltiges Angebot an Techniken, so das die Transzendenz des Endlichen auf das Unendliche hin jedem!, der sich diesem vorurteilslos öffnet, zugänglich ist. Sie ist zu einem Faktum im authentischem Gefühl, zu einer Wahnehmungstatsache für viele Menschen geworden, nicht in gerätetechnisch-messbarer Weise, aber etwa im phänomenologischem Sinne ist sie evident und auch mit statistischen Methoden, könnte sie durch Befragung überprüfbar werden.

Was ist nun unter Techniken und Methoden konkret zu verstehen, dies an sich zu erfahren? Das Angebot ist hier (interessanterweise ähnlich wie bei Kreativitäts- und Innvoationsstechniken) geradezu und eben auch – unendlich- geworden. Schon deshalb wäre es angebracht zu untersuchen, was dies für modern Arbeits- und Innovationsprozesse bedeuten könnte.

Man könnte hier erst einmal bei den allerunverfänglichsten Methoden anfangen: Etwa beim autogenen Training. Es gibt nicht wenige, die durch diese sehr einfachen Übungen, eine Entspannung, aber auch eine innere Weitung erfahren. Wie denkt es sich in einem entspanntem Bewusstseinszustand, in einem Bewusstseinszustand in dem auf einmal mehr Raum ist, weil Ängste, Verkrampfunge, Vorurteile verschwunden sind? Ein Zustand in dem man grundsätzlich offener ist? Gibt es da einen Übergang zu Bewusstseinszuständen, die mit dem korrelieren was Schleiermacher mit seiner Formulierung intendiert hatte? Wie kann man dies gemeinsam erreichen? Weshalb wurde soetwas bisher nicht eingehender auch in Produktionszusammenhängen untersucht?  Denn zumindestens bei Betrachtung, der vor allem deutschen Geistesgeschichte scheinen die Resultate doch recht beachtenswert zu sein. Beispielsweise in der deutschen Philosophie und Literatur.  

  1. Das Schöpferisches Ich im postdigitalen Zeitalter

So war beispielsweise mehr als für Schleiermacher noch für Fichte diese Erfahrung des „Unendlichem im Endlichen” zugleich verbunden mit der Erlebnis eines schöpferischen ichs, dem Erlebnis „Erschaffer seiner eigenen Welt” zu sein. Dieses weltumspannende Ich hat viele Zeitgenossen in der Folge zu kühnen dichterischen und künstlerischen Weltentwürfen ermutigt, woraus sich später der Vorwurf bildete, dass diese „deutsche Revolution” eigentlich „nur im Geiste” stattgefunden habe.

Nach Fichte ist dies immer auch ein selbstschöpferischer Vorgang. Die Außenwelt ist getränkt von der Innenwelt bzw entsteht erst durch diese. So ist jeder kreative Akt auch nicht Teil eines abstrakten Kreativ-Prozesses, sondern jede kreative -oder eben richtiger- schöpferische Leistung ist mit dem eigenen Ich als einem (schöpferisch)handelndem ich verbunden.

Doch nicht nur der Zugang zu diesem umfassenderem Seinsverständnis (im Unterschied zum vorherrschenden Bild einer angeblich notwendigen, äußeren Globalisierung) ist heute einfacher.  Auch die daraus sich ermöglichende schöpferische Produktivität ist heute umfassender und materieller und muss nicht mehr nur dichterisch oder „nur im Geiste” stattfinden.  Dies ist neben der

grundsätzlichen Möglichkeit eines solchen Zugangs ein zweiter wichtiger Punkt. Dies unterscheidet die manchmal belächelten Weltverbesserungsentwürfe der Klassiker, der Romantiker oder der Idealisten fundamental von unseren heutigen Möglichkeiten.

Moderne Technologien haben uns die Mittel an die Hand gegeben uns besser denn je zu organisieren und in kleineren Gemeinschaften vieles selbst zu  produzieren. Wir sind durch die Digitalität gegangen, das Wissen der Welt steht uns zur Verfügung, wir haben gelernt dieses und uns selbst miteinander zu vernetzen und wir haben erlebt, wie tiefgreifend dies auch konkrete und materielle Lebensprozesse verändern kann.

Dabei hat sich im Zuge der digitalen Revolution nicht alles so entwickelt, wie es Vielen für richtig erscheint. Die digitalen Techniken sind auch Herrschafts- und Überwachungsinstrumente geworden und sie haben uns, unsere Zeit und unser Leben in einem Maße zu vereinnahmt, dass Rückeroberung und Selbstbestimmung im realen Leben zu einem zentralen Thema geworden sind.  

Dieses postdigitale Lebensgefühl will den kulturellen und natürlichen Lebensraum neu gestalten, allerdings mit der uns heute zur Verfügung stehenden gesammelten Kompetenz. Und diese besteht nicht  nur in der Handhabung digitaler Instrumente und moderner Produktionstechnologien, sondern auch in pragmatischen und erprobten Herangehensweisen, in zielführenden Lösungsmethoden und -techniken, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. (Wie eben die oben beschriebene Technik des Design Thinking.)

Durch diese produktiven Mittel und Methoden unterscheiden wir uns von den Bewegungen, die uns vor zirka zweihundert Jahren zu einem Land von Dichtern und Denkern gemacht haben, was ja immer auch als „ein Makel” verstanden wurde und welcher den „Schleiermacherischen Seinsmodus” und die  Errungenschaften des Idealismus und der Romantik in Hinblick auf ihre Umsetzbarkeit negativ konotiert hat.

  1. Die Rolle von Naturerfahrung im schöpferischen Handeln

Und schon damals wurden die Gefahren moderner Zivilisation erkannt und die möglichen Lösungen in einer toleranten, übernationalen, freiheitlichen und schöpferischen Weltanschaulichkeit  gesucht.  Und es wurde dabei auch ein Weg aufgezeigt, in welcher der Natur ein bedeutende Rolle zukam. Diese wurde, wie in Schellings Identitätsphilosophie tiefer und geistiger gefasst. Sie erhielt bei ihm den Stellenwert, den sie heute gehabt haben müsste, um nicht in dieser Weise zerstört zu werden, wie wir es bis heute tun, wie wir es immer noch! tun.

In dieser vielleicht produktivsten Zeit der deutschen Geistesgeschichte  (zwischen Aufklärung und Romantik) waren nicht nur die intelektuellen Grundlagen für eine insgesamt humanere Welt gelegt worden, sondern diese Bewegung war auch als ein Korrektiv (und nicht als eine Flucht) gegenüber der (schon damals) selbstläufig gewordenen „Gesellschaftsmaschine“ verstanden worden, indem sie nach einer  unmittelbaren Erfahrung von Sein, und eben auch von Natur gesucht hat.  

Man kann darüber, ob Sinn oder Geschmack für das Unendliche überhaupt religiös gefasst werden sollte, gerne unterschiedlicher Meinung sein. Zur Zeit als diese Formulierung niedergeschrieben wurde, war sie vor allem absolut unkonfessionel und systemoffen gedacht worden und ein entscheidendes Gegenüber dieser Erfahrung war die Natur, ja die oft als heilig empfundene Naturschönheit, von der die Menschen zu dieser Zeit -nicht nur die Romantiker – ergriffener gewesen waren, als uns dies heute möglich scheint.

Hier ist tatsächlich ein gewaltiges Defizit in unsere Zivilisation entstanden. Die letztendliche Sinnlosigkeit und Abträglichkeit mancher zivilisatorischer Anstrengung ist letztendlich auch auf diesen mangelhaften Sinn für die uns umgebende Natur als Lebensgrundlage, zugleich mehr noch auf einen mangelnden Sinn dafür zurückzuführen, das Natur auch bildend wirken kann.  

Nicht zuletzt war Natur für die Menschen aus „dieser vergangenen Zeit” auch Heimat oder mindestens verbunden mit der Vorstellung von Heimat  in einem auch innerlichen Sinne, während wir uns heute bereits natur- bzw. umweltbewusst fühlen, wenn wir bio kaufen, oder über Nachhaltigkeit nachdenken, was ersteinmal auch nur ein ökonomischer und eher zweckrationaler Begriff ist.

Spüren sie einen Wiederstand? Natur als bildende Instanz? Transzendenz? Und dann auch noch… Romantik? Wir sind heute in andere Sprachen sozialisiert worden. Gamifikation, Globalisierung und Innovation… etc. Dabei geht es jedoch nicht um die Rückbesinnung auf „Altertümliches”, wie das jetzt mancher wohl sehen mag, sondern um eine Transformation substanzieller, früherer Leistungen durch eine Zusammenschau, ein  Zusammendenken im Kontext der Anforderungen der Moderne sowie ihrer Errungenshaften, ihrer Techniken und Technologien und es geht dabei immer auch um ein ganz konkretes Erproben in einem noch zu definierenden Forschungskontext.  

  1. Die immerwiederkehrende Aktualität von Naturverbundenheit

Mit der besonderen Gewichtung auf Natur stehen wir in einer auch deutschen Tradition von Naturverbundenheit, die manchmal schon untergegangen zu sein schien, ja die fast vergessen wurde, die aber doch gelegentlich, wie etwa hundert Jahre später in den Reformbewegungen oder (etmylogisch interessant) in globalisierten Begriffen wie Waldsterben (und eben nicht nur Fahrvergnügen) immer wieder mal wieder auflebt.

Und dieses Fühlen und Denken findet sich heute in vielen postdigitalen Strömungen wieder, die in ihrer Wiederbesinnung auf analoge Machbarkeit mit Hilfe digitaler Kompetenz (etwa in auf naturnahen Selbstervorsorgungs- und Wohnkonzepten) ihren Perspektivpunkt und  Austragungsort nicht mehr nur in den Stadtkulturen sehen.

Auch eine „Sharing Öknomie” ist auf dem Lande oder in regionalen Dimensionen fundamentaler möglich. Sie ermöglicht dort weniger virtuelle Formen von Gemeinschaft und Arbeit. Und sie bringt ein Lebensgefühl hervor, das sich in seiner Abneigung gegenüber einer streng  durchorganisierten, arbeitsteiligen und global fremdbestimmten Gesellschaft (in der sich Nationalaten langsam auflösen und Finanzsysteme, die wir nicht wollen, in unser Leben reinregieren) durchaus als romantisch bezeichnen ließe.

  1. Besondere Eignung von Design Thinking und Life Art Prozess

Beide Ansätze beschreiben eine grundlegende Vorgehensweise unter welche sich unzählige Methoden subsumieren lassen. Im Design Thinking  wären dies Techniken, wie beispielsweise Mindmapping, Card Sorting oder Storytelling etc., welche in der Phase des Übergangs von der Recherche und Auswertung zur ersten Ideenfindung Anwendung finden könnten. In dieser Hinsicht sind diese „Meta-Methoden” oder Strategien durchaus „offen” dh. unterschiedlich operationalisierbar und extensionalisierbar. Beide Ansätze  sind aber auch offen in einer ganz anderen Hinsicht:

Design Thinking:  Beginnen wir mit dem Design Thinking. Die innerhalb dieses Prozesses am schwierigsten zu beschreibende erste Phase nennt sich „Understanding”. In dieser Phase formuliert sich die erste Einsicht in ein zu lösendes Problem. Diese Einsicht wird meistens allgemein und ergebnisoffen formuliert, so dass viele und unerwartete Lösungsansätze entstehen können. Ein weites Suchfeld kann so abgesteckt werden. In dieser Phase sollten deshalb noch keine Hinweise darüber gegeben werden, in welche Richtung sich die Lösung vollziehen könnte. Die am ehesten geeignete Lösungsrichtung wird erst nach der Recherche in Form einer konkreteren Standpunkt- und Aufgaben-Definition als „Point of View” formuliert.  

Insofern ist die Design Thinking Methode in der Lage einen defizitären Bereich auch ohne irgendein konkretes Briefung in Bezug auf Verbesserungsmöglichkeiten zu untersuchen und dabei grundlegende Sinnfragen zu stellen. Dies schließt auch weniger pragmantische, wie etwa kontemplative Methoden, etnologische Beschreibungen oder eben auch geistesgeschichtlich motivierte Ansätze ein, die einen größeren Wahrnehmungshorizont während der Recherche erzeugen könnten.

  1. Weshalb Fragen grundsätzlicher gestellt werden sollten…

Oder: Wie könnten im Design Thinking Fragen grundsätzlicher gestellt werden, um diese Methode mit Ideen einer umfassenderen Wahrnehmung zu verbinden? Als Beispiel wie dies gehen könnte, soll ein hier ein Video bezüglich seiner Ausgangsfrage analysiert werden, dass im Internet besondere Popularität besitzt. Auch weil dieses es so anschaulich und idealtypisch den Prozess wiedergibt. Zudem wurde dieses Beispiel von der wohl bekanntesten Agentur auf diesem Gebiet geschaffen.  Die Frage, die sich IDEO in dem „Shopping Car Project” in der ersten Phase des Prozesses gestellt hatte, lautet:

Wie könnte ein Einkaufswagen aussehen, der das Einkaufen in Supermärkten insgesamt besser macht?

Mit dieser scheinbar unternehmensunabhängigen und grundsätzlich klingenden Problemstellung wurde allerdings schon Einiges vorweggenommen. Etwa, das Supermärkte der beste Ort und das Einkaufswagen das beste Mittel sind um Waren zu konsumieren bzw. dass unsere zivilisatorischen Prägungen hinsichtlich Warentransport, Warenverpackung und Warenlagerung sowie deren Konsum in diesem Fall nicht hinterfragt werden müssten (Im Speculative Design würde man ihr von etablierten „kognitve maps” sprechen.). Und so ist das Ergebnis dieses idealtypischen Design-Thinking-Prozesses, das jeder im Internet begutachten kann, zugleich beeindruckend innovativ, aber auch ein wenig unbefriedigend, was das Ergebnis anbelangt. Denn wollen wir wirklich dieser Konsument sein, der über ein Mikrophon permanent Servicediensleistungen genervter Mitarbeiter einfordert und der dabei einen Wagen vor sich herschiebt, der aussieht wie ein mobiles Warenwirtschaftsystem?

Diese erste Phase könnte deshalb auch viel grundsätzlicher angelegt sein.                                                                        So könnten beispielsweise offenere Fragestellungen lauten: Wie wollen wir in Zukunft Waren konsumieren? Wie praktizieren dies Menschen in anderen Kulturen? Wie ist überhaupt unser Warenbegriff entstanden? Oder:

Wie würde man sich versorgen wollen, wenn man sich vorstellt es gebe noch keine  Supermärkte und Einkaufswagen?

Hier stellt sich ein klassisches Problem. Umso grundsätzlicher die Fragestellung ist, um so fundamentaler, revolutionärerer, „spielverändernder”  kann die Lösung sein. Umso schwerer lässt sie sich am Ende durchsetzen, um so schwieriger ist es überhaupt innerhalb des Lösungsprozesse einen konkreteren Anfang zu finden. Doch sollte uns dies nicht abhalten. Im Gegenteil. „Grundsätzlichkeit ist gut“- einfach weil schon so vieles fundamental verkehrt läuft. Und weil man dort anfangen sollte, – um es einmal mit den Worten  Frithjof Bergmann zu sagen – wo man spürt,  was man „wirklich wirklich will”.

Und wenn man einmal etwas „wirklich wirklich will”, wenn man sich dafür zusammenfindet, recherchiert, Ideen und Prozesse entwickelt, diese iterativ verbessert und sich damit gegen eine Übermacht instrumenteller Vernunft zumindestens punktuell durchsetzt, dann kann sich dieser Aufwand manchmal auch lohnen: Wie beispielsweise in den unterschiedlichen Modellen solidarischer Landwirtschaft, in der sich Menschen bzw.  Privat-Haushalte zusammen gefunden haben, um einen landwirtschaftlichen Betrieb zu gründen, zu finanzieren oder in diesem selber mitzuwirken, wofür sie im Gegenzug einen Teil des Ernteertrags erhalten. Einige dieser in erster Linie ökologisch motivierten Projekte sind durchaus auch einem romantischem Welt- und Naturverständnis zuzurechnen. Und neben bedarfsgerechter Erzeugung, besseren Produkten  und Naturnähe muss man nicht mehr so viel Zeit in Supermärkten verbringen.

Hier ähnelt die erste Phase dieser Methode dann einem Zustand, der von manchen auch als Beginn allen echten Philosophierens gesehen wird, einem Zustand von Staunen und Zweifeln. Und romantisch gedacht?: Im „profaneren” Sinne steht man hier vor einer „Unendlichkeit an Möglichkeiten” um letztendlich doch etwas Endliches*daraus zu erschaffen.

(*Im Design Thinking ist die funktionale Begrenztheit des Endlichen, oder die „Endlichkeit des Endlichen” sogar ausdrücklich gewollt, da nur so eine klare Profilierung des Produktes entstehen kann. So wäre zum Beispiel ein ganz „spezieller Einkaufswagen” für eine bestimmte Zielgruppe wie etwa Senioren nach diesem Prinzip das (wahrscheinlich) bessere Produkt, da es nicht versucht die Bedürfnisse aller potentiellen Zielgruppen zu erfüllen. Dies wird in der Regel dadurch geleistet, dass man sich nach der Recherche auf einen kleinen Kreis von „Personas“ dh. personalisierten Stellvertretern des Zielgruppensegments beschränkt, um auf ihre Bedürfnisse hin besser zu optimieren- was in dem vorgestellten Beispiel Shopping Car allerdings nicht stattgefunden hat).

Und im weniger profanen Sinne? Hier kommt der schleiermacherische Sinn und Geschmack für das Unendliche zur Geltung. Wie wäre es wenn wir dieses Unendliche nicht als getrennt von uns begreifen, wenn wir uns nicht als isolierte Verbraucher in einer Welt verstehen die vordringlich zu ihrem Verbrauch und unserem Vergnügen  geschaffen wurde?  Denn diese absurde und hässliche Vorstellung ist der Boden aller Absurditäten und Hässlichkeiten, die wir um uns herum aufgehäuft haben. Das Unendliche ist dabei auch ein geistiger Horizont, es erfordert eine Offenheit in Hinblick auf einen Seinszustand, der nicht nur der Domäne der Kirche (etc.) zugerechnet werden sollte. Es ist dieser überkonfessionelle,  meta-physische Sinn auf den die Romantiker abzielten, der uns erlaubt „mehr” zu sein und mehr zu fühlen als unsere materielle Bedingtheit und Abhängigkeit.

Wie kann ich diese Gestimmtheit in mir (wieder-) finden und wie kann ich  als Schöpfer zugleich Teil der Schöpfung zu sein? Und hat dieses gemeinschaftliche, schöpferische Wirken im Einklang mit der inneren und äußeren Natur etwas wesentlich anderes zur Folge als gebriefte Brainstormings auf ein marktfähiges Produkt hin? Wie könnte sich eine solche Haltung im Kontext von Innovationsprozesen im Ergebnis ausdrücken? Soll und kann man überhaupt an dieser Stelle konkrete Beispiele nennen und damit dem bis jetzt nur „wage Vorstellbaren” schon eine mögliche Richtung geben?

  1. Schöpferisches Handeln, metaphysischer Sinn, ästhetische Wirkung

Nur so viel sei dazu gesagt: Denn auch dies ist ein wesentliches Moment der Romantik, der Frühromantik vor allem. Als Schleiermacher diesen metaphysischen Sinn in die nun schon mehrfach genannte Formulierung fasste,  ging es ihm auch um ein zugleich „künstlerisches (und ästhetisches)” Projekt. In Dichtung, Malerei, Musik und Architektur sollte dieser Sinn zum Ausdruck kommen. Kunst, so wie sie damals aufgefasst wurde, war das adäquate Medium, denn in der (Kunst-)Schönheit erst wurde dieser Sinn sichtbar, oder anders gesagt. Erst dieser (metaphysische) Sinn brachte das Schöne hervor in eben einer Zeit in welcher der Zusammenhang von Schönheit, Wahrheit und Richtigkeit noch stark empfunden wurde. Ich möchte dafür lieber den Begriff des Ästhetischen verwenden, der sich in seiner ursprünglichen Wortbedeutung auf Wahrnehmung und Empfindung zurückführen lässt und damit darauf verweist dass es im Grunde darum geht die eigene Wahrnehmungsfähigkeit in Bereiche hinein zu erweitern, in der eine umfassendere Einheit gewahr werden kann. Damit kann auch das endliche Resultat als ein Teil dieser Einheit oder Ganzheit erfahren werden. Die Kunst müsste damit als Wirkungsfeld solchen schöpferischen Handelns gar nicht bemüht werden, obwohl gerade und auch in modernen Ästhetiken die kompositorische Einheit  ein zentrales Moment von Kunst ist, welche in einem in-tuitiven, in einem in-spirierten Schöpfungsprozess  gelingen kann. Adorno hat die Leistung der Kunst in dieser Weise beschrieben und das in- (über welches heute meist hinweggelesen wird) gibt dafür den tieferen Grund an.  

Life Art Prozess: Vielleicht noch mehr als im Design Thinking ist der Life Art Prozess (und es gibt noch viele, weitere Ansätze) geeignet eine größere Offenheit und Wahrnehmungsfähigkeit zu ermöglichen, was hier nur soweit ausgeführt werden soll, dass dieser Prozess häufig im Zusammenspiel mit den Elementen und der Natur vollzogen wird und das in diesem die Entwicklung eines Körperbewusstseins eine große Rolle spielt (…).  

Auch lassen sich diese beiden kreativen und künstlerischen Strategien insgesamt schöpferischer Selbstentfaltung miteinander verbinden. Gerade in der Anfangsphase der gemeinsamen Arbeit zu einem gestellten Problem helfen die verschiedenen köperorientierten Techniken des Life Art Prozesses in einen spontanen Selbstausdurck zu kommen, sich spielerisch und tanzend miteinander zu verbinden und mit allen! Sinnen ein gemeinsames Forschungsfeld zu erkunden (…)

  1. Forschung zwischen pragm. Methoden und romantischer Seinsbefindlichkeit

Nun dies ist ein weites Feld und es gibt unzählige interessante Fragen, die sich theoretisch, aber eben auch praktisch angehen ließen. Auch könnte durch praktisches Erproben die ein oder andere theoretische Hypothese  besser überprüft werden.

In einem mehr theoretischen Vorgehen könnte Fragen nachgegangen werden, welchen Stellenwert und welche Aktualität Theorien und Modelle des Schöpferischen, die im Zuge der Aufklärung, der Klassik und der Romantik entstanden sind, im Kontext moderner Kreativivtäts und Problemlösungsmethoden besitzen. Konkreter etwa: Welche Aktualität besitzt Kant´s Theorie des freien Spiels der Erkentnisskräfte für den visuellen Entwurf? Lassen sich aus Schellings Identitätsphilosophie Methoden für ein umfassenderes Naturverständnis entwicklen?Welche Methoden gibt es überhaupt Natur intensiver zu erleben? (etc. etc.)

Da unser Institut in Brandenburg liegt, sind wir vor allem auch an regionaler Entwicklung interessiert. So wird in einem aktuellen Workshop mit Design Thinking Mehoden der Frage nachgegangen, wie junge Menschen wieder auf das Land geholt werden können und welche Probleme und Potentiale dabei eine gewichtige Rolle spielen. Gerade in diesem Zusammenhang ist auch die Natur ein wesentliches Element.

Unter dem Aspekt des Ästhetischen als empfundener Einheit könnte danach gefragt werden, weshalb das dörfliches und ländliches Gepräge, das noch bis in die Nachkriegszeit hinein gemeinhin als malerisch empfunden wurde und welches unzählige Post- oder Ansichtskarten „motivierte” so sehr zerstört wurde? Was hatte diese Einheit zuvor bewirkt? Dabei geht es nicht um die sentimentale Rückgewinnung des Alten. Es geht um den Verlust des Sinns! – im physischer aber eben auch! in meta-physisch-romantischer Bedeutung! Tatsächlich können also methodenorientierte Pragmantiken und geistesgeschichtliche Denkhorizonte sehr gut und produktiv miteinander verbunden werden, vor allem um den Innovationsindustrien neue Sinnperspektiven abzugewinnen, die bei rein kapitalgetriebenen Zielsetzungen schnell übesehen werden.

Kreativität ist dabei in unserem Verständnis nicht nur eine Fähigkeit die methodisch gesteigert werden kann, sondern sie ist vor allem ein schöpferisches Vermögen, dass  sich in einem tieferen, mithin auch romantischen Seinsverständnis erst richtig und sinnstiftend entfalten kann.   

By |2018-02-28T13:53:26+00:00Februar 28th, 2018|Uncategorized|0 Comments

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